Aus dem Nähkästchen einer Kartenlegerin

Sweet 50

Das Alter ist wie eine Woge im Meer. Wer sich von ihr tragen läßt, treibt obenauf. Wer sich dagegen aufbäumt, geht unter.
Gertrud von LeFort

Sweet 50 oder ist das Älterwerden eine Heimsuchung

Mir scheint, als wäre es nicht modern älter zu werden.
Kosmetikfirmen, Chirurgen und ähnliche Verdächtige leben gut davon.
Magazine „photoshoppen“ um die Wette.
Schauspielerinnen, deren Job es ist, Gefühle auszudrücken, haben eine starre Botox Maske, manche ähneln sich nicht mal mehr ansatzweise.
Selbst in meinem Discounter geht der Jugendwahn um. Kaum eine Verkäuferin ist über fünfundzwanzig.
Haben die Firmen Bedenken, dass Falten auch auf das Gemüse überspringen können?

Dabei sind wir, in Würde gealterten, doch eh jünger als noch in der Generation meiner Großeltern. Meine Oma war mit 53 eine alte Frau.
Wir haben keinen Krieg mitgemacht, haben uns besser ernährt, haben anspruchsvolle Tätigkeiten, wissen wie wichtig Bewegung ist und kümmern uns um unser Seelenleben.
Wir sind doch schon jünger. Das hat sogar die Politik gemerkt und läßt uns länger arbeiten.

Natürlich fühle auch ich manchmal die Wehmut, aber nicht, weil ich nicht mehr jung bin, sondern weil ich nicht bewusster war in der Zeit, wo ich noch jünger war.
Mir mehr Wege offenstanden, ich körperlich fitter war.
Ich hätte diese wunderschöne Zeit nicht so ungeachtet an mir vorüber ziehen lassen sollen. Hätte dankbarer sein sollen. Doch was kostet die Welt, wenn wir jung sind. Wer würde einen Gedanken daran verschwenden, dass die Zeit unaufhaltsam verrinnt, solange er noch alle Möglichkeiten hat.

Können wir nicht endlich aus der Gesellschafts-Hirnwäsche aussteigen?
Wieso einen Prozess schlecht reden, der jeden, ausser er stirbt früh und gutaussehend, trifft. Ohne Ausnahme, ohne Gnade, ohne Aufschub.
Ich habe damit meinen Frieden gemacht. Ich habe die wunderbaren Vorteile zu schätzen gelernt. Ich mache bei der ganzen „Ich sehe so jung aus und das muss ich auch, um noch Chancen zu haben“ nicht mit. Ich nicht!

50 sein ist schön, weil

  • ich Kindererziehung, die Pflichten und Sorgen, hinter mir habe. Ich darf meine Kinder jetzt einfach nur genießen.
  • meine Falten mein wunderbares Leben, das Lachen und das Weinen in mein Gesicht malen.
  • ich nicht mehr den Bauch einziehen muss, wenn ein schöner Mann vorbei kommt.
  • ich in nicht allzu ferner Zeit Vergünstigungen bekomme,  wie damals als Schüler.
  • man im Alter so eine Art Narrenfreiheit genießt. Jahresringe werden ab 50 gar nicht mehr so sehr behänselt, wenn man schwimmen geht.
  • ich einen immensen Schatz an Wissen und Erfahrungen habe.
  • meine Kindheit in einer absolut coolen Zeit war. Hippies gab es noch, viel mehr Freiheit für uns Kinder und ich bin sogar noch regulär mit der Dampflok gefahren. Wir wussten noch, wie man sich ohne Handy trifft und zu Fuss zur Schule kommt.
  • ich viel entspannter bin, ich eine Ruhe in mir spüre, wie nie zuvor.
  • es immer weniger zählt, was die anderen von einem denken.
  • ich mich besser kenne und genau weiß, was ich wirklich brauche.
  • meine Haare grau werden, zu der Farbe kann man ja alles tragen.
  • ich andere Menschen und ihre Probleme in einem milden Licht betrachten kann.
  • mich nichts mehr überrascht, weil man eigentlich alles schon kennt, irgendwie.
  • mir nichts mehr Angst macht.
    Hab ich es bis hier geschafft, schaffe ich es auch noch weiter.

Und es gibt noch soviel mehr. Wir sind nicht nur unsere Hülle.
Wir sind ein Füllhorn voller Wissen, Erfahrungen und Gelassenheit.
Wir können lehren, wir können trösten und den Enkeln gute Großeltern sein.

Wieso gegen den natürlichen Lauf der Zeit auflehnen?

Wir werden früher oder später an einem Punkt ankommen, wo nichts mehr zählt, ausser unseren guten Beziehungen zur Familie, zu Freunden und zu uns selbst.
Manche werden gebrechlich, manche wird der Geist schwinden.
Wir werden von Jahr zu Jahr weniger.

Wir sollten uns nicht bevormunden lassen, von dem Schönheitsideal der Gesellschaft.
Wer sind die schon?
Helfen oder kümmern sie sich um uns?

Selbstbewusste Alte braucht das Land!

Wir haben den Weg für die Jungen bereitet, sie aufgezogen, gelehrt, geliebt.
Ohne uns wären sie weder da, noch hätten sie eine Zukunft.
Es gäbe kein Internet, keine moderne Medizin, kein Smartphone, keine Waschmaschine.
Erhebt eure grauen Köpfe und versöhnt euch mit euren Falten.
Wir können stolz auf uns sein!
Wir haben viel geleistet und das darf auch jeder sehen.
Lassen wir uns die Freude, die kommenden Jahre aus vollen Zügen zu genießen, nicht nehmen.
Nicht von dem Gesellschaftsdenken, nicht von Magazinen, nicht von Kosmetikfirmen.
Von dem Geld für eine spezielle, furchtbar teuere Faltencreme, gehe ich lieber mit meinen Kindern Eis essen.

Die Zeit ist in unserem Alter wertvoll, sonst nichts.

Ein Kommentar zu „Sweet 50

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