Mensch, Mogrian!

Oh wie schön sind Erinnerungen

Liegt es womöglich am Alter? In letzter Zeit kommen mir Erlebnisse in den Sinn, an die ich mich seit Jahren nicht mehr erinnert habe.
Schöne, nicht so schöne, lang her, bedeutsam oder nebensächlich. Alles dabei.
Ein Gehirn verliert nichts, es ist nur aufgeräumt, in Kartons und solange man es nicht braucht, bleibt es da.
Wieso mein wirres Hirn meint, mir das alles wieder vor Augen zu halten, weiß ich nicht.

Da ist der behinderte junge Mann im Rollstuhl. Er leidet an einer Form der spastischen Lähmung, kann mühsam laufen. Mein Sohn und ich schauen uns auch gerade in dem Laden für Heavy Metal und Gothic um und bekommen das Gespräch mit.
Er hatte sich einige T-Shirts ausgesucht und wollte mit Karte zahlen. Das Gerät befand sich im ersten Stock, was die Verkäuferin veranlasste den Chef dazuzuziehen.
Er blickte auf den jungen Mann und ohne sich ein einziges Mal an ihn selbst zu wenden, raunte er der Verkäuferin zu:“ Wie sollen wir den wieder runter kriegen?“
Wandte sich ab und verschwand.
Mein Sohn und ich sahen uns in der Gewissheit an, den Laden nicht mehr zu betreten, packte den Rollstuhl Metaller, brachten ihn zum Zahlen hinauf und wieder herunter. Betrachteten noch kurz wie er glücklich den Laden verließ und gingen. Für immer.

Und da ist die Dame aus der Oberpfalz, die mich anrief als ich die Bügelmaschine meiner Oma verkaufen wollte. Sie schilderte mir, dass es an ihrem Ort eine ältere Frau gebe, die um ihre schmale Rente aufzubessern, für die Nachbarschaft bügelt.
Nun sei ihre Bügelmaschine kaputt. Für sie eine Katastrophe.
Nun haben sich die Nachbarn zusammen getan, ihr eine neue Maschine zu kaufen.
Tatsächlich haben sie ihr die Maschine bezahlt und haben sie abholen lassen.
Ich war wirklich berührt von so viel Menschlichkeit.

Es tauchen Klamotten auf, die ich früher liebte.
Lang vergessene Urlaube.
Die Fahrradtour, die ich mit den Kindern machte. Meine kleinste gerade sechs Jahre alt.
Wir fuhren die Tauber entlang, erlebten viel, verfuhren uns tapfer, bekamen von der Bundeswehr Bananen und lernten, dass nicht alle Ortschaften auf unserem Weg in Bayern lagen. Ich war alleinerziehend, das Geld knapp und so mussten wir bis zur ersten bayrischen Ortschaft zurückfahren, um das Bayern Ticket nutzen zu können.
Naja, die großen Planer waren wir noch nie.

Wir waren bei Rock im Park, beim Feuertanz, bei so manchem Mittelaltermarkt.
Ich erlebte so unendlich viel Spaß mit meinen Kindern, wir waren uns für keinen Schabernack zu gut. Wir sind Freunde, bis heute.
Wir streiten, dass die Fetzen fliegen, halten zusammen wie Pech und Schwefel.
Jedes gebastelte Geschenk, jedes Muttertagsgedicht habe ich aufgehoben.
Und ich frage mich wie anders mein Leben ohne sie verlaufen wäre.
Ohne den schrägen Familien- Humor, ohne unsere Abenteuer und ohne all den Mist, den wir zusammen verzapften.

Bei all dem bunten Erinnerungs-Durcheinander fällt mir auf, wie einzigartig sie sind.
Keiner, so weit die Erde auch ist, hat genau diese.
Hat diese wunderbaren Kinder.
Diese wunderbaren Erinnerungen.
Dieses Leben, das mich durchgeschüttelt hat, mich aber auch reich belohnt.
Immer und immer wieder.

Und eins wird mir klar;
niemals können wir andere beurteilen.
Zu komplex sind all die Dinge, die wir erleben. Die Erinnerungen, die unser Wesen und die Emotionen verzahnen, woraus das Gesamtbild unserer Persönlichkeit entsteht.
Jeder ist die Summe aller erfahrenen Stunden, aller Begegnungen, aller Katastrophen und aller Glückseligkeiten.
Und niemand hat das Recht dazu, ihn darum zu beurteilen oder zu verurteilen.

Eine indianische Weisheit sagt;
wenn du nicht 1000 Meilen in meinen Mokassins gegangen bist, verurteile mich nicht!

Menschen haben das Recht nicht wie erwartet zu reagieren. Sie dürfen verletzt sein, wo andere sich nur kurz schütteln. Sie dürfen mit wenig glücklich sein oder an einem Ereignis zerbrechen.
Wir sollten behutsamer miteinander umgehen.
Wir sehen nur den Tropfen, der das Faß zum Überlaufen bringt.
Doch die abertausend Tropfen darunter sehen wir nicht.