Wandern

Der Weg sorgt für dich

Der Regen tropft mir von der Mütze aus über die Haare in das Gesicht. Ich blicke in den Himmel, Wolken ziehen in unheimlicher Geschwindigkeit über meinen Kopf hinweg und ein Bussard lauert, majestätisch in der rauen Luft schwebend, auf Beute.
Ich gehe nicht auf dem Weg, ich habe einen Trampelpfad entdeckt. Er führt mich durch wilde, bemooste Waldgebiete, die nichts mit den nett hergerichteten Wanderwegen gemein haben.
Ich fühle mich frei, treffe keinen Menschen, nur der Wald, der Regen, der Sturm, meine Hunde und ich.
Ich kann mir vorstellen hier zu leben. Weit ab aller Erwartungen der Gesellschaft.
Nässe und Kälte sind leichter zu ertragen, wie der übliche Smalltalk.
Niemand stellt Fragen, keiner sieht mich komisch an, obwohl ich tatsächlich gerade seltsam aussehe. Gummistiefel, klatschnasser Daunenmantel, mehr oder weniger klebt einiges an Wald- und Flurverschmutzung an Hose und Mantel. Die Fellfarbe der Hunde ist nur noch an manchen Stellen zu erkennen.
Wir nennen das Glück, das Herz wird weit, die Gedanken fließen, ohne sich irgendwo anzustoßen.
Nur ab und an überlege ich, ob mir wohl zeitnah etwas aus den Baumkronen auf den Kopf fällt.
Sonst wabert nur tiefste Zufriedenheit um mich. Stille.

Ein Flugzeug quert in der Höhe meinen Weg.
Fast mitleidig denke ich an die Menschen darin, die sich engste Sitzreihen mit fremden Menschen teilen müssen.
Ich hänge dem Gedanken nach.
Warum in die Ferne, wo es hier doch soviel zu entdecken gibt.
Tatsächlich habe ich unendlich viele blinde Flecken in meiner Heimat.
Ich kann doch auch in Deutschland wandern, wieso immer weit weg, wo die Reise schon einen oder mehrere Tage verschlingt.
Und den Gedanken weiter gedacht fällt mir auf, dass es in meinem Bewusstsein auch so ist. Ich bin oft nicht hier, nicht in mir, nicht in meiner Gegenwart.
Ich plane, ich reflektiere, bin weit voraus oder nostalgisch in der Vergangenheit.
Warum findet der Mensch nicht die Glückseligkeit im Moment?
Wieso ist er nie bei sich, sondern wartet auf den Urlaub, auf die eine Chance, auf die Rente oder sonst was?
Ich laufe so Gefahr mein Leben zu verpassen.

Wissen wir eigentlich immer, was wir tun?

Was ist es, was ich aufschiebe?
Was traue ich mich nicht und warum?
Was ist mein Traum?
Vor was habe ich Angst?
Kein Ansehen mehr, keine Sicherheit?
Ich garantiere dir, es gibt keine Sicherheit und es gibt mehr Möglichkeiten und Lösungen zu tun, was genau dir entspricht, aber es gibt sie eben nicht auf dem silbernen Tablett.
Für wen sollten wir kämpfen, wenn nicht für uns.

Ich möchte laufen, in der Natur sein, ich möchte kein Dach über mir.
Und ich wusste, ich brauche einen Mann, der das mitmacht.
Mit einem Pauschaltouristen hätte ich nicht leben können.
Im Schnee in Kanada haben wir gezeltet, uns im Wald die Zähne geputzt.
Waren zerstochen von den unzähligen Mücken.
Haben zusammen gefroren, uns gekratzt und uns köstlich amüsiert.
Ich mache Kompromisse, doch manches ist in meinem Leben nicht zu diskutieren.
Da muss es dann passen, sonst reiben wir uns auf.
Hätte ich ihn nicht gefunden, hätte die Angelegenheit warten müssen.
In mir ist, auch wenn ich allein bin, keine Einsamkeit.
Ich habe gelernt mir zu vertrauen. Mit mir allein glücklich zu sein.
So habe ich meinen Partner sehr genau ausgesucht.
Es hat gedauert und die Suche war zum Teil sehr frustrierend.
Es hat sich gelohnt und ich frage mich, ob Alleinsein so quälend sein kann, dass manche Menschen mehr Zeit und Mühe aufwenden, sich ein Auto auszusuchen, als den wirklich passenden Partner zu finden.

Wie oft tappen wir sonst noch in ähnliche Fallen. Schnellschüsse aus der Hüfte.
Denken mehr daran, was andere über uns denken, als uns gerecht zu werden.
Müssen wir anerkannt und beliebt sein?
Was bringt uns wirklich der kurze Moment, wenn wir beneidet werden?
Muss ich für immer das Leben des großen Ganzen führen, um gesehen zu werden?

Immer mehr finde ich heraus, was ich wirklich will und was mir gut tut.
Meine Leidenschaft und meine ganz eigene Art, die Welt zu sehen.
Und ich folge meiner Sehnsucht.

Von ellenlangen Fernwanderwegen behauptet man; der Weg sorgt für dich!
Genauso erlebe ich meine Reise zu mir selbst, meinen Wünschen und Sehnsüchten.
Umso konsequenter ich mein Leben lebe, umso mehr tun sich Wege auf und es wird für mich gesorgt. Ich darf mich nur nicht aus den Augen verlieren und den Anforderungen, die nicht meine sind, unterwerfen.
Dann werde ich wieder herum geworfen, wie eine Nussschale auf hoher See.
Von klein auf haben wir gelernt, dass alles sich zum Guten wendet, wenn wir uns still und brav an alle anderen anpassen.
Deswegen steckt auch im dem schönen, alten Wort „tugendhaft“ das kleine Wörtchen Haft.
Es ist die goldene Fessel, die uns klein hält und anhängig macht von der Meinung anderer.

Die gute Nachricht

Niemals sind wir zu arm, zu alt oder zu sonst was, um uns zu finden oder weiterzuentwickeln.
Ganz im Gegenteil, ich behaupte wir lernen und entwickeln uns bis zum letzten Tag.
Äußere Umstände haben mit unserer Seele nichts gemein.
Sie ist unabhängig, wenn ich sie endlich freilasse.
Wenn ich akzeptiere, dass ich weder Kontrolle, noch hundertprozentige Sicherheit erlangen kann, wird das Leben leichter.
Wenn ich zutiefst davon überzeugt bin, als Persönlichkeit zu punkten und nicht mit meinem Besitz, wird mir viel wärmer ums Herz.

Und mal ganz ehrlich;
wollen wir tatsächlich von Menschen gemocht oder anerkannt sein, die uns nur wahrnehmen, weil wir ein tolles Auto fahren, keine Speckrollen haben, ein nichtssagendes Zeugnis einer angesagten Uni, eine Menge Schulden für das eh zu große Haus oder viel Geld und am besten Ruhm und vermeintliches Ansehen?
Ist das wirklich unser Ernst?
Uns krumm machen, sogar uns zu verschulden, um dazuzugehören?
Bleiben diese Menschen bei uns, wenn wir alles verlieren oder sonnen sie sich alsdann woanders?
Leben wir unseren Traum, unsere Persönlichkeit!
Die einzige Ressource, die erschreckend limitiert ist, ist unsere Lebenszeit.
Kein Geld, keine noch so effizienten Beziehungen können uns auch nur einen einzigen Tag schenken.
Lasst euch nicht an der Nase herum führen.
Wenn ihr wie ich draussen sein wollt, dann geht.
Sind die lustigen Arztromane vom Bahnhof deine Lieblingslektüre, dann kämpfe dich nicht durch Thomas Manns „Zauberberg“.
Willst du geschminkt sein, mach es. Willst du es nicht, sei selbstbewusst ohne Schminke schön.
Wenn du dir nur ein altes Auto leisten kannst, mach dein Kultauto daraus.

Bei Wind, Schnee und Regen sitze ich zum Kaffee trinken im Garten.
Manch befremdeten Blick habe ich schon geerntet.
Ach, sollen sie doch denken, was sie möchten.
Ich bin ich, ich will nicht anders!

Vor meinem Auge taucht ein Bild auf, dass mich vor Jahren bewegt hat.
Steve Jobs, der Mitbegründer des Apple Imperiums, schwer an Krebs erkrankt, bis auf die Knochen abgemagert in einem Frauenkleid, das zu diesem Zeitpunkt wohl das einzige Kleidungsstück war, dass er noch am Körper ertragen konnte.
Er starb mit bescheidenen 56 Jahren, mit einem geschätzten Vermögen von 9,4 Milliarden Dollar, was nun weniger bescheiden ist.
Er wurde postum durch seine Tochter verunglimpft und genießt den Ruf, ein nicht einfacher, oft unangenehmer Mensch gewesen zu sein.
Geld verdirbt den Charakter?
Nein, ich bin der Überzeugung es bringt nur umso mehr ans Tageslicht, was schon immer vorhanden war.
Geld ist ganz lustig, aber es tut nur, was ich zulasse und damit anfange.
Was auch immer unser eigen ist, es schützt uns nicht.
Nicht vor der Meinung über uns und nicht vor persönliche Katastrophen.
Nicht vor Krankheit, nicht vor schlechten Beziehungen.
Wer viel hat, kann viel verlieren.
Wer nur geliebt wird, weil er viel hat, wird nicht geliebt.

Wieviel besser habe ich es doch

Ohne Leibwächter und lauerndem Paparrazzo darf ich mich frei bewegen, mich schmutzig machen und mein bad-hair-day erscheint nicht abgelichtet in der Gala.
Ich mache mir keine Sorgen um mein vieles Geld, denn würde ich mich um mein Geld sorgen, wäre ich doch relativ schnell fertig damit und könnte mich wieder erfreulicherem widmen.
Wer mich liebt weiß, ich vererbe nichts, ich habe kein Auto, ich bin manchmal etwas wirr, aber immer habe ich ein offenes Ohr und würde für Familie und Freunde Zeit und mein letztes Hemd opfern.
Wenn ich eines Tages von den Friedhofsblumen nur noch die Wurzeln betrachte, wird keines meiner Kinder ein Buch schreiben und mit mir abrechnen (mutmaße ich mal).
Ich bin nicht der Nabel der Welt.
Doch ich bin mir sicher, mein Erbe ist wertvoller, als alles Geld der Welt.
Erinnerungen an die Zeit mit mir und ich hoffe sie werden so schön sein, wie ein Strauß Sonnenblumen, wie ein Regenbogen oder dicke Schneeflocken, die zur Erde tanzen.

 

2 Kommentare zu „Der Weg sorgt für dich

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