Mensch, Mogrian!

Allein=Einsam?

Das Wochenende naht und es geht endlich wieder raus. Zum Glück scheinen „Eberhard“ und „Franz“ sich zurückzuziehen, die mir manch gruseligen Effekt im Wald verschafft hatten.
Wir haben uns für Sonntag das fränkische „Walberla“ vorgenommen.
Ein paar Wandergesellen sind gefunden und ich freue mich, neue Geschichten zu hören, wer schreibt, braucht Anregung. Meist gehe ich allein, doch ich genieße die Gemeinschaft. Die Brotzeit und den Austausch am Ziel.
Ich war schon mehrmals auf dem „Walberla“ und hoffe auf Fernsicht, dort ist es wunderschön.

Meine Augen sehen sich an der Natur nie satt. Wo bekommt man sonst ein sich ewig im Kreis der Jahreszeiten veränderndes Kunstwerk?

Alleinsein heißt nicht einsam sein

Ich muss draussen sein, die Natur, die zeitweilige Einsamkeit tun mir gut.
Geschlossene Räume sind mir meist schnell zu eng.
Ich brauche den Wind um die Nase, Sonne oder Regen auf der Haut.
Wo manche Menschen unter der Dusche inspiriert werden, muss ich laufen.
Ich habe trotz der Nähe zu einigen Großstädten, etliche einsame Wege entdeckt und nutze sie ausgiebig.
Ich liebe die Zeit, die ich nur mit mir verbringe.

Gedanken und Gefühle werden nicht von allerlei Zivilisationsgeräuschen übertönt.
Ich kann in mich gehen, komme mir nah, entdecke neue Entwicklungen, die sich in meinem Innern einen Weg in mein Bewusstsein bahnen wollen.

Ich fühlte mich einsam.
Die erste Zeit ohne Partner und Kinder fiel mir nicht leicht.
In der Zeit, als ich noch für alle sorgen musste, blieben einige Aspekte meiner Persönlichkeit auf der Strecke. Das ist erstmal nicht schlimm, wenn man danach in der Lage ist, die Kurve zu sich selbst zu kriegen.
Mein Leben war so voller Verantwortung für vier Personen. Schule und Ausbildung, unseren Unterhalt musste ich alleine verdienen, Freizeit mit den Kindern, Haushalt und etliche kleine Besorgungen, die Zeit und Kraft fressen.

Als die Kinder dann selbstständig und ausgezogen waren, saß ich eines Tages leer und haltlos da.

Wer bin ich jetzt?
Was macht mir Spaß?
Worin bin ich gut?
Wie stelle ich mir mein weiteres Leben vor?
Wie fülle ich die Lücke?

Ich erinnere mich an mein erstes Weihnachten allein zuhause.
Die Kinder waren mit ihren Partnern oder Freunden unterwegs.
Ich hatte mir ein Puzzle für die Feiertage gekauft.
So saß ich nun da, allein, eine brennende Kerze, Weihnachtsmusik lief im Hintergrund und meine Augen fingen an zu schwimmen.
So mies hatte ich mich seit Jahren nicht mehr gefühlt.

Keiner tut es für dich

So unerwartet schmerzhaft auf mich zurück geworfen sah ich ein, dass etwas geschehen musste.
Alle Rituale, der gewohnte Tagesablauf, alles brach weg.
Und ich musste lernen meinen Tag, meine Zeit zu füllen und zwar nur mit mir.
Ich wurde herum geworfen. Ich war unsicher, der Anker fehlte und mir war das Alleinsein denkbar unangenehm.
Ich kannte mich nicht mehr.
Ich war mir fremd.
Was ich früher genoß, schmeckte nun fahl.

Wenn ich mir selbst nicht genug bin, wer ist es dann?

Schnell wurde mir klar, dass ich mit mir allein leben lernen muss. Ich konnte nicht erwarten, dass mir jemand die Arbeit abnehmen würde. Quasi Instant Gemeinsamkeit und schon ist alles wieder gut.
Ich durfte es nicht auf die Schultern eines anderen laden, denn das hätte an der Situation und an meiner Selbstwahrnehmung nichts geändert.
Und so machte ich mich auf Entdeckungsreise.
Erforschte was ich kann, was ich liebe, für was ich mich interessierte und musste feststellen, wie sehr ich mich verändert hatte in all den Jahren.
Wie zum Beginn einer Partnerschaft gab es Reibereien, Missverständnissen. Es schien, als spräche ich nicht mehr meine Sprache.
Da ich bereits mein Leben lang wanderte, Fahrrad fuhr und mir die Bewegung gut tat, fing ich an zu laufen und nach und nach löste sich ein Knoten nach dem anderen.
Erst kam ich mir seltsam vor.
Wir definieren uns eben über Gemeinschaft und so auch ich.
Ich hasste es allein essen zu gehen. Wandern war kein Problem. Aber sobald ich in eine Gaststätte einkehrte, fühlte ich mich beobachtet, wusste nicht wohin sehen und es war mir äußerst unangenehm.
Mit der Zeit fand ich heraus, dass es nur daran lag, dass ich schlicht nicht gewohnt war, allein zu essen.
Und das ich nicht der einzige Mensch war, der ohne Begleitung unterwegs war.
Es wurde leichter, als der Fokus sich änderte.

Eine wertvolle Zeit

Heute weiß ich, dass ich diese Zeit der Neuorientierung dringend brauchte.
Und ich bin froh, dass ich mich entschied, in diesen Prozeß keinen Partner hineinzuziehen.
Es hätte die Entwicklung gebremst, wenn nicht unmöglich gemacht.
Womöglich wäre ein unnötiger Scherbenhaufen zurück geblieben.
Beziehung heißt, auch für das gegenüber Verantwortung zu tragen.
Manche Dinge muss man erst mit sich ausmachen.
Ich war nicht frei.
Ich war nicht ich, denn ich hatte den Kontakt zu mir verloren und kannte mich selbst nicht mehr.
Es gab nichts, was ich hätte anbieten können.
Der Prozeß dauerte um die drei Jahre. Drei wertvolle Jahre.
Ich weiß, das ist keine kurze Zeit.
Aber ich habe sehr viel über mich gelernt, kann nun ohne Magengrummeln allein unterwegs sein und meinen Alltag sinnvoll gestalten.
Ich habe keine Angst mehr vor mir und meinen Gedanken.
Kenne mich, meine Leidenschaft und meine Talente gut.
Lasse mir mehr Sorgfalt angedeihen und bleibe wachsam, um nicht wieder den Kontakt zu mir zu verlieren.
Alleinsein ist nicht gleich Einsamkeit.

Einsamkeit ist ein Lehrer, ein Fingerzeig.
Dort geht es entlang, wenn wir zu uns und zu der Akzeptanz des gegenwärtigen Moments kommen wollen.
Sind wir mit uns und dem Alleinsein eins geworden, haben wir uns damit versöhnt und kämpfen nicht dagegen an, öffnen sich Türen in die Gemeinsamkeit.
Auf einer gesunden, erfüllenden Ebene.
Wir haben gelernt uns selbst zu genügen und können Freundschaft und Partnerschaft dankbarer genießen und leben.
Auch wenn es anfänglich beängstigend ist, auf sich zurückgeworfen zu sein.
Das Gefühl vergeht, sobald wir eine Verbindung mit unserm Selbst eingehen.