Mensch, Mogrian!

Zeit ist alles?

Nachdem die letzte Woche vollgepackt war mit Arbeiten unterschiedlichster Art und ich kaum zum Luftholen kam, überlegte ich in den seltenen Pausen, was Zeit für mich ist.

Es ist nicht zu wenig Zeit, die wir haben, sondern es ist zuviel Zeit, die wir nicht nutzen, meinte Seneca.

Zeit ist das , was man an der Uhr abliest, meinte dagegen Einstein.

Was ist denn jetzt Zeit?

Ein seltsam Ding, behaupte ich.
Von der Uhr mal angesehen, gliedern die Tageszeiten, Hell und Dunkel, gewisse Abschnitte und  da wir in einer Gemeinschaft funktionieren (müssen), vereinfacht es Abläufe, gliedert Öffnungszeiten, gibt Arbeitszeiten vor, erleichtert Zwischenmenschliches. Ist sozusagen ein Ordnungsfaktor.
Rein technisch gesehnen also etwas leidig Nützliches.
Nun kommt aber noch unsere Empfindung dazu. Jeder kennt es, mal verfliegt die Zeit, natürlich, wenn man gern mehr davon hätte, mal zieht es sich wie Kaugummi oder wie ein schlechter Witz.
Das kann am Tag mehrmals wechseln, zumindest bei mir.
Gestern Abend las ich in einem wirklich spannenden Buch und ohne es besonders zu bemerken, war es nach Zwölf und ich zwang mich meine Nachtruhe anzutreten.
Sitze ich aber über einem all zu trockenen Thema, geht der Uhr scheinbar die Luft aus und der Zeiger bewegt sich nicht.
Dann gibt es noch die Lebenszeit, die ich viel zu kurz empfinde. Ich bin nun über Fünfzig und habe noch so viel vor, bin noch so neugierig, habe noch unendlich viele Dinge nicht entdeckt, gelernt oder überhaupt von ihnen gehört.
Mein Leben ist ein Wimpernschlag in der Erdgeschichte, wenn überhaupt.
Ich rechne mir die Zeit aus, die mir bleibt. Nicht mehr soviel, wie ich schon auf dem Buckel habe und der Gedanke irritiert mich einigermaßen.

Ist Zeit gerecht?

Der Tag hat für jeden vierundzwanzig Stunden.
Mancher zerreißt sich im Job, in der Familie und versucht noch ein wenig Freizeit zu erhaschen, andere sind so erfolgreich, dass sie von den Aufgaben einiges deligieren können und genug Zeit zum genießen finden.
Es gibt Menschen, denen ihre Zeit zuwider ist und Menschen, die genug Zeit zu haben schmerzlich vermissen.
Die Jahre, die wir auf Erden verbringen dürfen, sind weder gerecht verteilt, noch kann man sie einklagen. Der eine will sie nicht, der andere beweint nicht mehr zu haben.
Das sachliche Thema Zeit spaltet die Nation und die Gefühlswelt.
Ich denke darüber nach, lese wissenschaftliche Abhandlungen, werde dadurch auch nicht schlauer und meine Gedanken drehen sich im Kreis.
Bis ich für mich die Erklärung fand, die ich am schlüssigsten finde, und zwar, dass jeder seine eigene Zeit hat.
Sein eigenes Zeitempfinden, seine Lebensjahre, seine Art wie er sie nutzt.
Es existiert eine Gleichung mit nichts unter dem Strich.
Jeder Einzelne muss seine Zeit kennenlernen, sie sinnvoll ausfüllen und lernen sich mit ihr zu arrangieren.
Zeit läßt sich nicht in „gerecht und ungerecht“ ermessen, sie fordert unsere Eigenverantwortlichkeit.
Die Zahl unsere Jahre ist das große X, wir können und müssen es annehmen, denn es gibt keine andere Wahl.

Was also tun?

Ich glaube, dass jeder die Möglichkeit hat, sich innerhalb seiner Voraussetzungen weiterzuentwickeln und neue Chancen zu suchen und beherzt zuzugreifen.
Ich habe regelmäßig alles in meinem Leben umgeworfen, bin in andere Städte gezogen, bin den Chancen auf den Fersen geblieben und nein, ich bin nicht besonders tough.
Mir ging nur eines Tages, als ich alleinerziehend war und für vier Menschen den Unterhalt verdienen musste, das Licht auf, dass ich es nicht schaffen werde, wenn ich mich auf meiner gemütlichen Eisscholle festkralle und warte, bis der Prinz auf einem Rappen erscheint und mich erlöst.
Die meiste Zeit meines Lebens verbrachte ich damit, mich durchzukämpfen und gerade ist eine Phase angebrochen, die endlich ruhiger, geborgen und gemütlich erscheint.
Ich genieße, ich bin dankbar und kann meine Zeit neu kennenlernen und füllen mit Dingen, die ich nie für möglich gehalten habe.
Ich kann lernen, das ist was mein Leben lang meine Leidenschaft war.
Ich löse Gleichungen, rätsel an Quellcodes und lese mich durch viele Bücher.
Was mein Herz springen läßt, sind die Reisen mit meinem Mann, der der optimale Reisepartner für mich ist.
Ich habe mich intensiv mit mir, meinen Leidenschaften und Fähigkeiten auseinandergesetzt. Ich sehe und suche immer den nächsten Schritt.
Ich musste unzählige Male in eiskaltes Wasser und über meinen Schatten springen.
Und ich musste lernen mit der Zeit zusammen zu arbeiten, arbeite ich dagegen, lacht sie mich aus.

Heikes Zeitanleitung

  • Ich mache mir Wochen- und Tagespläne, Reserve für Unvorhergesehenes nicht vergessen
  • Pausen, Treffen mit Freunden, Familienzeit, Zeit zu Zweit fest einplanen
  • Ich verschiebe keinen Traum oder Wunsch auf die Rente, oder sonstwie weit hinaus
    Ich überlege und arbeite an dessen Erfüllung, Schritt für Schritt
    Wer weiß schon, wielange er noch Zeit und Gesundheit hat
  • Ich wäge sehr genau ab, ob eine Tätigkeit nötig, wichtig oder einfach Zeitverschwendung ist
  • Ich lege für die Tätigkeiten, die anstehen einen festen, realistischen Zeitrahmen fest
  • Treffen oder Telefonate genieße ich und nehme mir Zeit, merke ich, dass es mir hingegen lästig wird, oder ich tatsächlich keine Zeit habe, nehme ich mir die Freiheit mich höflich zu verabschieden
  • Spantane Nachfragen beantworte ich auch mit „Nein“
    Ein wichtiges Wort, denn auch ohne uns permanent ablenken und einplanen zu lassen,  dreht sich diese Welt weiter und fliegt nicht aus den Angeln
  • Jeden Tag reserviere ich mir Zeit, um zu lernen, oder mir neue Infos einzuholen
    Fachliteratur, Gehirntraining App, Dokumentation, was auch immer
  • Zeiten, um mich an der frischen Luft zu bewegen
  • Unangenehmes erledige ich umgehend und zuerst
  • Ein Tag in der Woche erhält konsequent keinerlei Pflichten
  • Aufgaben ordne und teile ich nach Wichtigkeit, Zeitaufwand und Fixtermin auf
  • Hausarbeiten plane ich mit ein und halte mich an meine Vorgaben
    Wenn ich erstmal putze, komme ich sonst nicht mehr davon los
  • Auch wenn ich Homeoffice mache, ich nehme mir feste Pausen vor
  • Einkäufe werden geplant und zusammengefasst
  • Viele Aufgaben kann man auch zusammenlegen, beim Staubsaugen höre ich Podcasts oder Hörbücher und so weiter
  • Zweimal die Woche habe ich einen unverrückbaren Sporttermin, an den ich mich halte
  • Zeit zum Verplempern!!!

Klingt alles etwas organisatorisch? Stimmt.
Aber ich habe damit sehr gute Erfahrungen gemacht und mir meine Zeit sinnvoll einteilen können. Die Gefahr besteht sonst, die Zeit zu verbummeln und irgendwann ins Schleudern zu geraten.
Die Zeit verrinnt und niemand dreht unsere Sanduhr nochmal um.
Jeder Mensch hat eine andere Zeit, in der er konzentriert arbeiten kann.
So kann man bei unterschiedlichen Aufgaben die jeweils optimale Zeit nutzen.
Das Verzetteln wird weniger, denn in den vorgegebenen Zeiten bleibe ich konzentriert bei dieser einen Aufgabe und lasse mich nicht ablenken, denn all die anderen Dinge haben auch ihren Termin und ich brauche mich gedanklich im Moment nicht damit auseinanderzusetzen.

Und die Lebenszeit?

Jeder ist seines Glückes eigener Schmied.

Doch die Frage, ob man zufrieden ist oder etwas ändern sollte, wäre meiner Ansicht nach ein gutes, regelmäßiges Ritual.
Die Arbeit ist nur ein Teil des Lebens und Geld allein bringt weder mehr Lebenszeit noch Glück.
Wenn wir erst begriffen haben, dass es jederzeit vorbei sein kann und wir uns ehrlich die Frage stellen, ob wir so weitermachen würden wie im Moment, wenn wir wüssten, dass nächsten Monat Schicht ist im Schacht, wir das mit einem klaren „JA“ beanworten, erst dann gibt es nichts mehr zu verändern.
Da ich aber nicht davon ausgehe, bin ich der Überzeugung, dass wir uns öfter mal das Ende des Lebens oder der Gesundheit vor Augen führen sollten und von diesem Standpunkt aus unser Leben betrachten.

Wer möchte schon seine Personalnummer auf seinem Grabstein haben, weil sich sonst nicht viel getan hat?

 

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