Natur · Wandern

Der Mann mit dem grauen Hoodie

Der Hund muss raus! So bin ich jeden Tag, bei jedem Wetter im Wald unterwegs.
Meist völlig allein, hier und da fährt ein Landwirt vorbei, aber Spaziergänger sind selten.
Ich kenne die Gegend wie meine Hosentasche.
Selbst in der Dämmerung überfällt mich keine Beklemmung.
Für mich sind die Geräusche gewohnt, es zirpt, knackt und raschelt.

Doch eines Tages in der dunstigen Winterluft, die Sicht war schlecht und der Wald mystisch nebelverhangen, wanderte ich mit meinen Hunden seicht bergauf.
Wir schlenderten Richtung verwunschenem Fischweiher hinauf, als ich in der frostigen Luft einen Mann mit einem grauen Hoodie reglos am Ufer sitzen sah.
Er blickte scheinbar konzentriert auf den kleinen Teich.
Ich spannte die Schultern an, der Mann war mir unheimlich.

Mein Pionter Rüde schien weniger beeindruckt und ehe ich noch rufen konnte, hatte er den Mann schon sachte mit der Nase in den Rücken gestupst.
Einigermaßen erschrocken und zwischen Flucht und einer Entschuldigung abwägend, beobachtete ich gebannt wie der „Mann mit dem Hoodie“ seine Flügel ausbreitete und sich ohne Hast in die Luft schwang.
Ein grauer Fischreiher, der von hinten mit seinen grauen Federn wie ein Mensch ausgesehen hatte.
Ich lachte über mich selbst und verfluchte meine Fantasie.

Angst im Wald

Woher kommt die Angst im Wald?
Nicht nur ich vermute von unseren Ahnen. Dunkelheit, Unübersichtlichkeit, Stolperfallen, Aberglaube und Waldtiere, die auch mal ein Schaf oder ein Huhn reißen.
Erbangst sozusagen, von unseren Vorfahren, die im Wald eine reale Bedrohung sahen.
Natürlich gibt es allerlei Bedrohungen im Wald, aber bei Weitem nicht die, vor der wir uns sorgen.
Keine Geister, die bewegten Baumkronen werfen manch eigenartige Schatten.
Keine tatsächlich gefährlichen Tiere, wir sind nicht in Afrika.
Keine Diebe, die müßten im einsamen Wald gegebenfalls doch über Gebühr warten bis ein Wanderer des Weges kommt.

Reale Gefahren im Wald

Dennoch lauern einige, zum Teil überzeugende Bedrohungen im Wald.

  • Wind- und Schneebruch, Duft
    Ich beobachte die Bäume aufmerksam. Starker Wind, Sturm, Gewitter, Eis oder Schnee überladene Äste. Da gibt es dann nur Eins, raus aus dem Wald und weg von den Bäumen.
    Duftanhang ist kein lieblicher Tannenduft, sondern ein durch tagelange Minustemperaturen und Reif verursachter Eisbelag auf Ästen. Die Zweige werden immer schwerer und was schön anzusehen ist, bricht unvermittelt krachend ab.
    Jeden Tag passiere ich abgebrochenen Äste und umgestürzte Bäume, die einem ohne Mühe den Rückweg erschweren oder das Genick brechen können.
  • Gewitter
    Sind sie schon angekündigt, lange Waldgebiete lieber vermeiden.
    „Buchen sollst du suchen, Eichen sollst du meiden“, naja nicht ganz.
    Buchen haben eine glatte Rinde, an der das Regenwasser hinunter schießt.
    Da sich der Blitz immer den leichtesten Leiter aussucht, eine trügerische Sicherheit.
    Eichen hingegen habe eine rauhe unterbrochene Rinde, die nicht durchgehend Wasser transportiert. In diesem Fall aber läuft das Wasser in Kanälen im Innern des Baumes und sollte der Blitz dort hineinfahren explodiert das Holz buchstäblich und Splitter sausen durch die Luft wie Messer.
    Besser Bergkuppen meiden und sich nicht in der Nähe von Bäumen aufhalten, die mit ihrem Wipfel über den Wald deutlich hinausragen.
    Bei einem Wolkenbruch stellt man sich unter einen Nadelbaum. Laubbäume richten ihre Äste nach oben um das Wasser am Stamm entlang zu ihren Wurzeln zu leiten und man bekommt eine gründliche Dusche.
  • Baumfällarbeiten grundsätzlich weit umrunden.
  • Fuchs- und Hasenbauten
    sind talentierte Stolperfallen, in die man ruckartig einbricht und sich übel den Fuß verdrehen kann.
    Also auch den Waldboden im Blick behalten.
  • Zecken, Stechmücken, Eichenprozessionsspinner
    Von Zecken gehen zwei Gefahren aus, Borreliose, frühzeitig erkannt kann man es gut mit Antibiotika behandeln und FSME vor der eine Impfung schützt.
    Lange Hosen, am besten in die Stiefel gesteckt schützen, denn die kleinen Wesen sitzen im Gras und werden abgestriffen. Sie sind keine wagemutigen Springer, die sich von Bäumen auf ihr Opfer stürzen, wie man ja gern behauptet.
    Hat man sich eine eingefangen möglichtst bald (Zecken beginnen erst nach 24 Stunden mit dem Saugen) entfernen. Vorsichtig mit einer Pinzette oder einer Zeckenkarte nach oben abziehen. Drehen braucht man nicht, Zecken sind keine Schrauben. Desinfizieren und den Ekel überwinden. Fertig!
    Stechmücken sind nervig und am Abend äußerst aktiv. Bremsen dagegen tagsüber.
    Man hat eben nie Ruhe vor den Biestern.
    Bedauerlicherweise stechen sie selbst durch Kleidung.
    Wer viel draußen ist kann auf stichfeste Outdoorkleidung zurückgreifen.
    Auf Chemikalien greife ich nur im Notfall zurück, die Giftstoffe möchte ich nicht regelmäßig auf der Haut.
    Um Bäume, auf denen der Eichenprozessionsspinner sein Unwesen treibt, lieber einen großen Bogen machen. Seine feinen Haare sind hohl und mit winzigen Widerhäkchen und dem Nesselgift Thaumetopein bestückt.
    Bei Kontakt löst das zum Teil üble Ausschläge aus, die quälend jucken, sich infizieren und uns bis zu zwei Wochen treu bleiben.
  • Wildschweine und Wölfe
    Beide Spezies sind menschenscheu und verstecken sich generell im Wald.
    Der Mensch steht nicht auf der Speisekarte und die wissenschaftlichen Untersuchungen (im Fall des Wolfes empfehle ich die die Untersuchung „The fear of wolves: A review of wolf attacks on humans“ vom Norwegischen Institut für Naturforschung) belegen das deutlich.
    Sollte man einem Exemplar wiedererwarten gegenüberstehen:
    Ruhig bleiben!
    Reden, damit das Tier einen wahrnimmt!
    Langsam rückwärts entfernen!
    Hunde von den Tieren fernhalten!
    Niemals in die Enge treiben!
    Wenn die Tiere Junge haben gilt besondere Vorsicht.
    Tollwut ist nach wir vor ein Grund für auffälliges, agressives Verhalten.
    Und der letzte kritische Punkt ist hausgemacht, durch Füttern.
    Wildtiere werden dadurch an Menschen gewöhnt, was anfangs niedlich ist, kann in ein ruppiges Einfordern der Leckerli münden, was meist ein Töten des Tieres nach sich zieht.

 

Wir bewegen uns in der Natur

Es ist eine Schande Wölfe und Wildschweine zu töten, weil der Mensch sich einbildet, sie wären gefährlich. Rotkäppchen läßt grüßen.

In Deutschland starben bei Verkehrsunfällen im Jahr 2018 rund 3180 Menschen, 309 000 Unfälle verursachten Personenschäden.
Wer dagegen Statistiken über Wolfsangriffe aufruft wird (zB. bei Wolf-Nein danke?) finden, dass von 1950-2000, also in fünfzig Jahren, 59 Angiffe, davon neun tödlich, stattgefunden haben und zwar in Europa. Wobei die Auslöser, wie zB. Tollwut oder die Provokation des Tieres nicht dokumentiert sind.
Wo ist der Verstand und die Relation, wenn Mensch sich vor lauter “ Angst“ an diesen schönen Tieren vergreift.
Natürlich verursachen sie Schaden bei Nutztieren, doch hier wäre mir leichter, wenn man nach Lösungen suchen würde, die beiden Seiten Nutzen bringen.

Wer Rücksicht nimmt und Vorsicht walten läßt kommt gesund durch den Wald.
Auch durch den dunklen Wald.
Meist ist das Verderben Menschen gemacht, durch geschädigte Bäume der Monokulturen, deren Äste schneller brechen.
Durch angefütterte Tiere und durch die Panikmache der Presse.

Die Natur wird immer ihre eigenen Regeln haben, es ist an dem Menschen sie zu akzeptieren und sich darauf einzustellen.