Aus dem Nähkästchen einer Kartenlegerin

Berufung finden, wieso?

Mein Telefon klingelt am Samstag. Meine Tochter ruft aus dem Allgäu an, ob sie denn auf ihrem Heimweg noch zum Kaffee kommen könnte. Bis eben war ich noch davon ausgegangen, dass sie bis Sonntag ein Seminar eines bekannten Motivationstrainers besucht.
Sie erklärt mir kurz und knapp: zuviel umarmen, zuviel klatschen, zuviel Schulterklopfen, zuviel Chaka, zuwenig Information, zuwenig Fakten, zusammengefasst: sie fühlt sich wie im falschen Film.

Berufung ist hip

Damit lässt sich eine Menge Geld verdienen. Mit Chaka und gemeinschaftlichem Hurra in die Berufung, der Erfolg folgt auf dem Fuss, Friede, Freude, Eierkuchen, Blödsinn.
Wie kommen wir eigentlich darauf, dass jeder eine Berufung in sich trägt und keiner ohne diese glücklich wird?
Wer kam eigentlich als erster auf die Berufungssucherei?
Tatsächlich gibt es Menschen, die nun unglücklich durch ihr Leben eilen und suchen und suchen.
Ich persönlich bin ein Allrounder. Mein Interessenspektrum ist weit, ich nenne die verschiedensten Hobbies mein eigen, Bass spielen, Schreiben, Wandern, Nähen, Lesen, Kartenlegen, Fahrradfahren, die Umwelt und die Tiere schützen, Geschichte, Shakespeare, klassiche Musik und Heavy Metal, ach die Liste ist lang und in keiner der Tätigkeiten werde ich jemals einen Nobelpreis oder eine Madaille erringen.
Ich habe keine Leidenschaft, ich habe Leidenschaften.
Ich kann mit ein paar Kabelbindern eine Waschmaschine reparieren und klebe mein Handy Display mit Tesa.
Ich liebe es Menschen zu beraten, doch ich könnte durchaus auch in einem Blockhaus in Kanada leben ohne je einem Menschen zu begegnen.
Meine Berufung? Keine Ahnung! Muss ich eine haben? Aus welchem Grund?

Unzufriedenheit erzeugen

Meine Tochter kam nach Hause und fragte sich sodann, ob bei ihr etwas nicht normal wäre, weil sie die Veranstaltung mehr wie seltsam fand.
Nein, ist es nicht! Sie hat ein gesundes Wissen um ihre Individualdistanz. Sie ist kritisch, sie hinterfragt, sie ist sachlich und belesen.
Niemand muss sich zwingen dort sitzten zu bleiben, nicht weil es Geld gekostet hat, nicht weil man denkt “was denken die anderen”, auch nicht weil man eben so erzogen ist.
Hätte sie oder jeder andere von den Besuchern des Seminars jemals nach seiner Berufung gefragt, wenn er nicht auf Social Media davon gehört hätte?
Oft muss der Mangel erst erzeugt werden, um ihn teuer vermeindlich zu beseitigen.

Berufung aus einem anderen Blickwinkel

Früher sprach man in der Regel von Berufung, wenn jemand Pfarrer wurde oder ins Kloster ging. Wie es im Wort schon enthalten ist, jemand ruft einen in den Dienst.
So sollten wir treffender von Leidenschaft sprechen.
Und allein das ändert die Wahrnehmung, denn was mir Freude macht ist leichter herauszufinden. Es klingt nicht so übermächtig, nicht so bedeutend.

Das wiederum spaltet die Menschen in die, die ihre Leidenschaften kennen und Menschen, die vor mir sitzen, mich ratlos ansehen und behaupten ihnen mache gar nichts Spaß.
Doch da wir alle Individuen sind, man nie etwas pauschalieren kann, hat auch das seine Berechtigung, solange der Mensch nicht darunter leidet.
Allerdings habe ich beobachtet, dass gerade der Berufungshype dazu geführt hat, dass Menschen die ihrer Arbeit nachgehen, Familie haben und zufrieden mit ihrem Leben waren, nun plötzlich einen Mangel verspüren und unglücklich sind.

In jedem Job gibt es die Nerds, die Chefs, die fleißigen, unauffälligen Arbeiterbienchen, das wichtige Reinigungspersonal, die verklingelten Kreativen.
Nur durch das Zusammenspiel dieser bunten Vielfalt gelingen die Aufgaben.
Jedes Zahnrad greift ineinander.
Was tun, wenn wir nur Nerds und Berufungslinge hätten?
Wenn keiner mehr mit seiner “normalen” Arbeit zufrieden wäre?
Wieso Leid erzeugen, wo vorher keins war?
Wieso allen weismachen sie seien zu höherem geboren?
Die meisten schaffen es dann doch nicht, denn die Luft der Innovation ist dünn und die Marktlücken rar.
Was mit beklatschter Motivation begonnen hat, endet zu oft mit einem Verlustgeschäft oder auf dem Arbeitsamt.

Klare Informationen, Austausch mit bereits erfolgreichen Startups

  • Berufung im Sinne der Neuzeit meint eigentlich eine Leidenschaft, die muss man nicht suchen, das weiß man in der Regel
  • Sei ehrlich zu dir!
    Bist du kompetent genug? Hast du finanzielle Unterstützung?
  • Willst du das beruflich machen? Informieren und nochmals informieren.
    Meist ist die Konkkurenz groß und Fallstricke üppig
  • Beschäftige dich mit der Erstellung eines Businessplans
  • Überlege genau deinen Mehrwert gegenüber den Mitbewerbern
  • Sprich mit Menschen, die in dem Bereich erfolgreich sind
  • Nicht jeder will selbst und ständig arbeiten
    Lebst du deine Leidenschaft selbstständig aus, kostet das mehr Zeit und Kraft, denn eine geeignete Anstelllung
  • Wer anfängt schießt eine ganze Weile erstmal Geld ins Geschäft, bevor etwas (wenn überhaupt) zurückkommt
  • Sollte deine Leidenschaft ein Bereich sein, in dem du noch nicht gearbeitet hast, frage nach einigen Schnupperstunden in einem Betrieb
    Was man liebt kann beruflich zum Alptraum mutieren

Solltes du deine “Berufung” kennen und zum Haupterwerb machen wollen, plane und informiere dich umfassend und gründlich.
Ein Talent, eine Leidenschaft ist noch lange kein Erfolgsgarant und meist eine zeitintensive, harte Arbeit, wenn man damit Geld verdienen möchte.

Hast du die Überzeugung es gibt keine “Berufung” für dich, dann sei gewiß, du bist alles andere als allein.
Macht dir dein Job Spaß, wunderbar!

Jedes Rädchen ist wertvoll und wird gebraucht.
Fühl dich nicht schlecht, wenn du keine “Berufung” spürst, es ist völlig normal.
Schalte auf Durchzug und erinnere dich daran, was dich in deinem Leben zufrieden und glücklich macht.

Zum Glück sind wir alle verschieden. Die Erde wäre ärmer und langweiliger, wenn wir alle gleich wären.
Die Aufgabe eines Coaches sollte nicht sein einen Mangel zu konstruieren, wo keiner war.
Viel mehr gilt es Dankbarkeit, Zufriedenheit und Selbstverantwortung zu fördern, ohne zu überfordern.
Menschen so zu respektieren wie sie eben sind.