Mogrians Allerlei

Smartphonomanie

Am letzten Freitag habe ich mich mit Mann, Tochter und Freundin nach München aufgemacht.
Endlich! P!nk Konzert, lang herbeigesehnt, Vorfreude bei 36 Grad und Schwüle.

Ich bin ja noch Konzert Besucher einer Zeit, die pure Musik mit nur dem Equipment und ein paar Scheinwerfern auf der Bühne erleben durfte.
Wir machten unten Party, brauchten nichts denn gute Laune, keine Einlasskontrollen oder Absperrungen. 
Kameras waren nur der Presse erlaubt, fertig.

Das Konzert beginnt

Wir wühlen uns also in den Innenraum des Olympiastadiums, betrachten uns den atemberaubenden Rundblick über 60 000 Menschen.
Lauschen den Vorbands, essen Eis und beobachten die ersten Blitze über München.
Es wird dunkel und kurz vor neun gehen alle Lichter aus und die Scheinwerfer an.

P!nk startet gewohnt mit einem Gute-Laune-Song, schwingt sich an einer Art Kronleuchter in die Höhe und zeigt eindrucksvoll ihre Liebe zur Akrobatik.
Ich bin hingerissen.
Doch Moment…
In just der Sekunde, in der sie die Bühne betritt schnellen tausende Handys hoch und ich sehe die Bühne nur durch Smartphone Displays in unterschiedlicher Bildqualität.
Es wird geknipst, gefilmt und geselfiet auf Teufel komm raus.
Kein Erinnerungsfoto, nein, ganze Dokumentationen.

Die in die Jahre gekommene Dame vor uns tapst mit ihren Stadtteil- langen Fingernägeln auf ihrem Samsung umeinander, um das vom Telefon erlebte in Echtzeit auf Facebook zu posten. Wie geil! tippt sie und beantwortet auch brav alle Kommentare, die schon angekommen waren.
Sie sieht nur auf, um ein weiteres Foto oder Video für Facebook aufzunehmen.
Selbst meine 22 jährige Tochter schüttelt den Kopf und tanzt lieber.
Als dem Handyfan dann auch noch die mobile Nervensäge zu Boden fällt, halten wir uns den Bauch vor Lachen, bevor wir den Platz wechseln, um nicht dauernd auf ein Display zu sehen.

Konzert in Zeiten des Like Wahns

Leute, möchte ich in die Menge schreien, da sind wirklich gute Musiker auf der Bühne!
P!ink liefert eine Show zum hinknien.
Sie ackert sich durch die heiße Luft, turnt, singt, lacht und ist extrem sympathisch.
Sie steht da vor uns. Leibhaftig. 
Wenn ihr sie auf dem Bildschirm sehen wollt, geht auf YouTube.
Versaut nicht Menschen die Sicht, die P!nk live sehen wollen.
Dafür sind wir nämlich da, haben 90 Euro bezahlt und sind stundenlang gefahren.
Knipst zwei, drei Bildchen und dann feiert und tanzt.
Dazu sind Konzerte da!
Konzertbilder behält man im Herzen, nicht in Pixeln.
Wenn ihr ein P!nk Bildchen braucht-ihr hängt den ganzen Tag im Netz, dann werdet ihr doch auch ein schönes finden.

Dank Smartphone rinnt das Leben an den armen Leuten vorbei.
Kein Like darf verpasst werden und keine Möglichkeit verstreichen anschaulich zu machen, dass man 90 Taler für ein Konzert hatte.
Lebt ihr alle nur für die anderen?
Für die, die es sehen und alsdann vergessen?
Eieiei, was für eine lächerliche, trostlose Zeit.

2 Kommentare zu „Smartphonomanie

  1. Ihnen hat schmerzlich gefehlt, sich für ein Fotochen kurz beklatschen zu lassen.
    Was die alles verpassen, schade drum
    Liebe Grüße, Heike

  2. Wie recht Du hast! Mit jedem Wort! Was haben diese armen Menschen eigentlich alle gemacht, als es noch keine Smartphones gab? 🙄

    Liebe Grüße,
    Werner

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.