Mogrians Sonntagsgedanken

Vom Tod und vom Trauern

Samhain, Allerheiligen und Allerseelen sind die Feiertage, um den Toten zu gedenken.
Doch was ist mit dem akuten Schmerz, der Trauer, der Wut, dem Schock und dem Verlassensein?
Was ist mit der Trauer, die sich durch das ganze Leben spinnt?
Wenn die eigenen Kinder sterben? Wenn sie nur Tage oder Wochen alt werden?
Wie gehe ich mit der eigenen Endlichkeit um?
Wie gehe ich mit Trauernden um?
Wie präsent ist der Tod in meinem Leben?
Welche Gefühle löst meine Endlichkeit und das Sterben geliebter Menschen in mir aus?

Der Tod, ständiger Begleiter

Der Tod begegnet uns überall, obwohl wir in einer Gesellschaft der Verleugnung leben.
Verwandte, Freunde, Kollegen, Nachbarn müssen wir über die Jahre verabschieden.
Nachrichten, Bücher, Filme sind voller Tod und Vergängnis.
Haustiere begleiten uns nur ein kleines Stück auf unserem Lebensweg.
Auf Straßen, im Wald und auf manchem Teller grüßt uns der Tod.
Wenn wir genau hinsehen (wollen), ist er überall.
Ohne ihn wäre kein neues Leben denkbar.
Er ist unausweichlich, er ist der Punkt hinter dem Leben.
Der Tod hat viele Gesichter, zu früh, unerwartet, grausam, unnötig, sanft, erlösend, willkommen, frei gewählt, zerstörend und vieles mehr.
Genauso vielfältig ist die Art, wie Menschen und Völker in ihren Traditionen damit umgehen.
Es gibt ein indigenes Volk, dass die Toten, also ihre Leichen, zu einem bestimmten Fest aus ihrer Ruhe holt. Sie werden gekleidet und geschmückt und in den Kreis der Lebenden integriert. So zeigt man seinen Respekt und die Tatsache, dass alles was ist auf sie zurückgeht. Sie sind weiterhin Teil der Gemeinschaft.
Den Tod kann man nicht leugnen, nicht übersehen, nicht abschaffen.
Er ist Teil des Lebenszyklus eines jeden Lebewesens.

Auch ich kenne ihn gut, den Gevatter Tod.
Nur eine Patentante ist mir von meiner Familie geblieben. Alle die älter waren als ich, sind nicht mehr.
Meine Jugendliebe starb bei einem Motorradunfall, eine ehemalige Schulkollegin und Freundin wurde von ihrem Partner ermordet.
Der Vater meiner Kinder ist ebenso im Totenreich, wie einige Freunde und Kollegen.
Viel Tiere wurden begraben, große und kleine. Da starben Gefährten, ich fühle mich elend, wenn ich die alten Bilder betrachte.


Zu unserer Familie gehört auch ein Sternenkind. Mein erstes und bisher einziges Enkelkind.
Es entschied sich, umzukehren. Es konnte nie bei uns sein.
Eine schmerzliche Zeit, eine tief verletzte, werdende Mama.
Der Rest der Familie, nicht weniger gebeutelt, tat alles um Stütze zu sein.
Und doch ist da ein leerer Platz in unserer Familie.
Die Toten leben durch uns, sind Teil unseres Herzens und der Erinnerung.

In meinem Arbeitsleben sah ich Patienten sterben, begleitete sie. Half Angehörigen über Schock und Trauer. Streichelte Verstorbene, wusch und kämmte sie, ersann erleichternde Rituale, machte Fenster auf, um der Seele den Weg nicht zu versperren.
Das Sterben und der Tod sind magische Momente, ein Gefühl, welches mit nichts anderem zu verleichen ist.

So natürlich, so verdrängt

Der Tod ist auch mit der größten Mühe nicht wegzudiskutieren.
Ihn zu verdrängen, zu leben, als sterben nur immer die anderen, schlägt eines Tages rüde zurück.
Nur wer sich mit der Vergänglichkeit, dem Sterben und dem Tod auseinandersetzt, erfährt eine Bereicherung für das Leben.
Wer erkennt, dass nichts im Leben bleibt und man auch nichts mitnehmen kann, der setzt andere Prioritäten.
Er spielt mit seinen Kinder, macht Ausflüge, liest die Bücher, die er schon immer lesen wollte und pflegt die Beziehung zum Partner, zur Familie und zu Freunden.
Wieviele Stunden Lebenszeit frisst das schöne, große Haus? Das teure Auto und was man denkt, alles noch so zu brauchen? Da haben wir bis zum Umfallen gearbeitet und dann?
Die Erben freuen sich oder streiten bis aufs Blut. Und wir können es nicht mitnehmen, bekommen aber auch keine einzige Stunde zurück.
Die Menschen, die man einst mit seinen tollen Sachen beeindruckt hat, weinen auf einmal keine Träne hinterher und freuen sich insgeheim, dass das alles auch nicht geholfen hat.

Wir sollten die Zeit sinnvoll nutzen, wo der Sensenmann lauert, weiß niemand so genau.
Jeder Tod ist ein Ausrufezeichen; auch du bist dran eines Tages, vergiß das nicht.
Der Tod ist keine Schwäche, kein Fehler, keine Störung in der Leistungsgesellschaft.
Er ist das Ende, dem keiner entkommt.

Vom Umgang mit Trauernden

Es kann jedem und jederzeit passieren. Man verliert einen geliebten Menschen.
Auch der Verlust des tierischen Freundes darf nicht unterschätzt werden.
Was sich anfänglich unwirklich anfühlt, geht in Schock über, in nicht wahrhaben wollen, in Wut, in Verzweiflung und manchmal in absolute Existenzangst.
Und weil kein Trauernder funktioniert, wie die “ganz normalen” Menschen, treffen sie erst auf Mitgefühl und dann schnell auf Ignoranz.
Wie sollen die anderen auch damit umgehen?
Der Tod ist aus dem Leben gerutscht, man spricht nicht darüber, meist findet er dort statt, wo keiner belästigt wird.
Vormals starke Menschen nun schwach und verzweifelt zu sehen, bringt uns an den Rand dessen, was wir aushalten können. Die eigene Hilflosigkeit zwingt uns, nicht mehr hinzusehen. Verschämt wechseln wir die Straßenseite.

Ich habe es noch anders erlebt. Der Verstorbene wurde in seinem Zuhause zurecht gemacht und aufgebahrt. Verwandte, Freunde und Nachbarn kamen mit Speisen und Getränken. Halfen, wo eine Hand gebraucht wurde.
Der Tod wurde be-greifbar. Jeder konnte sich angemessen verabschieden.
Die Gemeinschaft vermittelte Halt und Trost.
Danach begann das Trauerjahr, denn man wusste noch, dass die Überwindung des Schmerzes seine eigenen Zeit braucht.
Heute ist das anders. Auf Trauernde zu treffen macht uns nervös und unsicher.
Was tun, wenn sie weinen? Nicht selten fallen dann Standardsätze wie;
“Das Leben geht weiter!” oder “Du musst nach vorne blicken”
Zeit heilt keine Wunden und auch Narben schmerzen.
Trauernde sind nicht schwach, sie befinden sich in einer Ausnahmesituation.
Schwäche zeigt nur der, der sich dem nicht stellen kann.
Geduld, Einfühlungsvermögen, das Akzeptieren der eigenen Machtlosigkeit, die Fähigkeit zuzuhören und auch einmal nur in den Arm zunehmen und zu schweigen gehört eben zu keinem Lehrplan mehr. Aushalten, nur aushalten ohne zu agieren, wer kann das noch.
Wenn die Zeit des Kuchenbackens, der Anfangshilfe und dem Besuch der Beerdigung vorbei ist, dann ist “einfach da sein” gefragt.
Wir können für den anderen wachsam sein und erkennen, ob z.B. eine professionelle Hilfe eingreifen sollte oder auch der Besuch einer Trauergruppe Erleichterung bringt.
Auch sollten wir den Umgang mit dem Tod und denTrauernden behutsam an unsere Kinder weitervermitteln.
Sie eines Tages ahnungslos hineinlaufen lassen, ist nicht fair.

Ja, ich weiß, heute gilt nur der etwas, der leistungsfähig ist und keine Umtände macht.
Doch das geht an der Realität zu weit vorbei.
In schweren Krisen hilft kein “Tschaka, wir schaffen das” oder die rosarote Ich-kann-alles-erreichen-Brille.
Sie reißt uns aus der Welt, die wir kannten.
Dort ist keine Kraft mehr, kein Wille, nur noch Nebel um den Kopf.
Es reißt uns von den Füßen und wirft uns in ein schwarzes Loch.
Ich hoffe inständig für jeden, dass er in solch einer Situation Menschen findet, die mit Stärke, Verständnis, der nötigen Geduld und genug eigener Reife den steinigen Weg zurück ins Leben begleiten.
So können wir nun die Feiertage begehen, vielleicht mit einwenig offeneren Augen und Herzen.

Habt besinnliche Feiertage, eure Mogrian

Wer Fragen oder Kummer hat, kann sich immer gerne bei mir melden!




2 Kommentare zu „Vom Tod und vom Trauern

  1. Liebe Ute, danke schön! Das freut mich sehr, ich lege sehr viel Herzblut in meine Beiträge.
    Osho liebe ich auch sehr. Ja, da kann ich mich ihm nur anschließen.
    Auch werde ich nie müde Meditation zu empfehlen.
    Ich wünsche dir einen schönen Sonntag, Heike

  2. Hallo Mogrian,
    hab am Wochenende im Osho Buch gelesen – Er meint alle unsere Ängste – die uns vorm wirklich Leben abhalten – haben den Ursprung in der Angst vorm Tod. Unsere Aufgabe somit uns nicht vorm Tod fernzuhalten – wie in unserer Kultur leider gang und gebe. Ihn als Gefährten zu sehen.
    Ausserdem helfen würde die Meditation – weil wir dadurch uns bewusst werden, dass wir nicht nur “Körper” sind – und der Rest gar nicht vergehen kann! 🙂
    Danke für deinen Blog,
    ich lese ihn sehr gerne!
    Ute

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.